Das Gesellenbuch der Glaserinnung von Frankenhausen - Gesellenwandern in Deutschland |
Das Wandern für eine bestimmte Zeit gehört zu den
alten Traditionen im Handwerk.
Bereits mit der Einrichtung der freien Zünfte im 14. Jh. war das Wandern
ein Bestandteil der Ausbildung zum Handwerksmeister. Der Geselle kam in
fremde Städte und zu fremden Handwerksmeistern, wo er sein Fachwissen
vervollkommnen und seine geschäftlichen Kenntnisse erweitern konnte. Die
Wanderpflicht der Gesellen war in den Zunftordnungen festgelegt.
Für die Meister brachte der Wanderzwang ebenfalls Vorteile. Sie bekamen
tüchtige Gesellen, die ihrerseits bereits Erfahrungen von anderen Meistern
mitbrachten. Durch den Wanderzwang wurde ein ständiger fachlicher Informationsaustausch
gewährleistet.
Übernachtet wurde während der Wanderung entweder im Freien, wo es sich
anbot, oder über längere Zeit in Herbergen.
In einer fremden Stadt angekommen, hatte sich der Geselle nach Arbeit
beim zuständigen "Schenk-", "Orten-" oder auch "Zuschickgesellen"
zu erkundigen. Dieser fragte bei den Meistern nach Arbeit für den zugereisten
Wandergesellen nach.
In den Städten gab es Gesellenbrüderschaften. Diese hatten als soziale
Aufgabe, eine Stütze für die Gesellen in der Fremde zu sein und auf die
Einhaltung der Ordnung und der Vorschriften zu achten.
Den fortwandernden Gesellen wurde aus der "Gesellenbüchse" der
Brüderschaft eine Wanderunterstützung ausgezahlt. Von den Meistern erhielten
die Gesellen auf der Durchreise ein sogenanntes Geschenk, für welches
sie im Gesellenbuch der Innung oder Zunft quittierten.
Diese Gesellenbücher sind heute wichtige Zeitzeugen.
Das Gesellenbuch der Glaserinnung von Frankenhausen wurde ca.140 Jahre
von 1723 bis 1864 geführt. Darin wurden alle durchwandernden Gesellen
vermerkt, die von einem Meister der Innung ein Geschenk erhalten hatten.
Weiterhin trugen sich alle Gesellen ein, die bei einem der Meister in
Arbeit gestanden haben. Die dabei verwendeten Texte ähnelten sich. Die
durchreisenden Gesellen schrieben z. B. in das Buch : " Anno 1829
ten. 28. Mertz bin ich Eduard Gütsel ein Glasergesell gebürtig aus Merseburg
allhier durchgereißt und habe mein ehrliches Geschenk erhalten beym Meister
Wilhelm Görmer."
Diejenigen, die in Arbeit gestanden haben, schrieben in das Buch : "Anno
1739 den 27. July bin ich Johann Conrath Maurer ein Glasergesell von Weißenfels
allhier abgereist und habe in Arbeit gestanden bey Mst. Johann Heinrich
Germer."
Ferner ist im Gesellenbuch nachzulesen, dass die Söhne auch bei ihren
Vätern in Arbeit gestanden haben: "Anno 1739 den 10. Febr. bin ich
Caspar Christoph Irrgang (Glasergesell von Frankenhausen) nach vefloßenen
Lehrjahren bey meinem Vater, Mst. Johann Caspar Irrgang in Arbeit getreten."
Caspar Christoph Irrgang taucht Jahre später im Buch wieder als Meister
auf .
Insgesamt sind im Gesellenbuch der Glaserinnung von Frankenhausen ca.
1150 Eintragungen. Mancher Geselle taucht zu verschiedenen Zeiten wieder
auf und erhielt von einem anderen Meister sein Geschenk. Er ist somit
öfter durch Frankenhausen gewandert.
Interessant sind auch die Herkunftsorte der Gesellen. Mit einigen
Ausnahmen kommen sie aus Orten, die nicht weiter als 200 km von Frankenhausen
entfernt sind. Die weitesten Herkunftsorte der wandernden Gesellen sind
Wien, Zürich, Köln, ein Dorf im Odenwald sowie ein Ort bei Colmar. Es
fällt auf, dass kein Wandergesell aus einem Ort nördlich und nordwestlich
des Harzes herkommt. Überhaupt war bei allen eingetragenen Gesellen keiner
aus Norddeutschland dabei. Offensichtlich war der Harz eine natürliche
Barriere, die man nicht durchwanderte.
Im Gesellenbuch der Glaserinnung von Frankenhausen werden über den Zeitraum
von 140 Jahren 31 Glasermeister erwähnt. Das Handwerk wurde meistens
in der Familie vererbt. Die Meister hießen mit Familiennamen Irrgang,
Jahn, Hinße, Günsch oder Güntsch, Vollmer, Erntzt oder Ernst, Reinecke
und Görmer oder Görmar. Nachweisen lässt sich anhand der Eintragungen,
dass nach dem Ableben eines Meisters dessen Witwe die Geschäfte oft weiterführte
und so den Betrieb für den Sohn erhielt.
Die Wanderzeit der Gesellen dauerte im allgemeinen 3 bis 4 Jahre. Nun
erst konnte der Geselle einen Antrag auf die Meisterprüfung stellen.
Der Wanderzwang bestand über fünfhundert Jahre. Er wurde durch die Gewerbeordnung
in Deutschland von 1869 aufgehoben. Durch die zunehmende Industrialisierung
änderte sich am Ende des letzten Jahrhunderts auch das Bild des traditionellen
Handwerks. Das wandernde Handwerk nahm immer weiter ab. Erst in jüngster
Zeit sieht man vor allem in den Sommermonaten vereinzelt wieder wandernde
Gesellen. Damit wird verhindert, dass eine Jahrhunderte alte Tradition
gänzlich in Vergessenheit gerät.
©Gerhard Görmar
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